Abwasserverband Braunschweig: Regenmacher und Trommelkünstler
Was nach einem Indianerstamm klingt, ist ein hochprofessionelles Unternehmen: Der Abwasserverband Braunschweig kümmert sich auch um die Verregnung von 10 Mio m³ gereinigtem Abwasser.
183 Trommelregner finden sich im Fuhrpark des Abwasserverbandes.
(Bildquelle: Abwasserverband Braunschweig)
Der Abwasserverband Braunschweig übernimmt Aufgaben von der Abwasserklärung bis hin zur Energieerzeugung.
(Bildquelle: Abwasserverband Braunschweig)
Auf den mit gereinigtem Abwasser beregneten Flächen werden zum Teil Energiepflanzen angebaut, die in der eigenen Biogasanlage verwertet werden.
(Bildquelle: Colsman)
Die Zahl steht für sich: Allein 183 Trommel-Beregnungsmaschinen stehen in der Inventarliste des Abwasserverbands. Damit wird eine Fläche von rund 2 700 Hektar beregnet. Außerdem setzt der Verband unter anderem 23 Fendt-Schlepper von 88/120 bis 177/240 kW/PS ein. Wofür der umfangreiche Fuhrpark genutzt wird und welche Entwicklungen zur heutigen Größe des Abwasserverbands Braunschweig führten, haben wir uns vor Ort angesehen.
Dr. Franziska Gromadecki leitet die Geschicke des Abwasserverbandes.
(Bildquelle: Abwasserverband Braunschweig)
Heinrich Ripke, Betriebsleiter für den Bereich Landwirtschaft.
(Bildquelle: Abwasserverband Braunschweig)
Wassernutzung
„Aktuell verwerten wir das Abwasser der rund 260 000 Braunschweiger Bürger“, nennt Geschäftsführerin Dr. Franziska Gromadecki den Hauptzweck des Verbandes. Gegründet wurde dieser 1954, als das Klärwerk der Stadt mit der Abwasserverrieselung in den angegliederten Rieselfeldern an ihre Grenze stieß. „Im Norden von Braunschweig gibt es viele landwirtschaftliche Ackerflächen mit leichten Böden, die sich bei 600 mm Jahresniederschlag für eine Abwasserverregung eignen“, erklärt Dr. Gromadecki. „Gleichzeitig waren die Landwirte an einer Beregnungsmöglichkeit interessiert.“ So gründete die Stadt gemeinsam mit knapp 400 Landwirten den Abwasserverband Braunschweig, dem auch die Großkläranlage „Steinhof“ der Stadt gehört.
Mit der Gründung gingen die Landwirte Verträge ein, neben dem Wasser auch den Klärschlamm abzunehmen. „Das ist der große Vorteil für die Bürger, die das ganze System durch die Abwassergebühren finanzieren.“ Die Kosten für die Verregnung liegen bei 40 bis 50 Euro pro t Trockensubstanz, während eine thermische Verwertung Kosten von 450 Euro und mehr verursacht — bei einer Verwertung von 1 500 t Trockenmasse im Jahr ein erheblicher Vorteil. Im Mittel hat die Anlage einen Zulauf von 20 Millionen m³ pro Jahr, wovon von Februar bis November die Hälfte über den Verband verregnet wird.
Dazu gelangt das gereinigte Abwasser über unterirdische Leitungen mit natürlichem Gefälle in die in vier Bezirke aufgeteilte Verregnungsregion. In jedem Bezirk steht ein Pumpwerk, über das die insgesamt 120 km Leitungen zu den Beregnungshydranten mit Druck versorgt werden. Im ersten Jahrzehnt des Verbandes wurde die Infrastruktur für die Verregnung geschaffen: Eine Flurbereinigung berücksichtigte bei der Länge der Schläge die Beregnung. Zudem wurden Wind- und Sprühschutzhecken gepflanzt. Denn in den ersten Jahren wurde noch mit Rohabwasser beregnet — inklusive der Geruchsprobleme. Damit kein Schmutzwasser auf Wege und sonstige Flächen gelangte, waren und sind die Sprühschutzhecken ein wichtiger Baustein des Konzepts. Im Abstand von 54 m wurden Hydranten für die Beregnung installiert. 1959 ging die Verregnung von Rohabwasser mittels Rohrberegnungsanlagen in Betrieb — bis zu 60 Gastarbeiter waren in der Saison für das Betreuen der Rohrstränge nötig. Ab 1973 wurden mit dem französischen Hersteller Perrot die ersten Trommelregner entwickelt und eingesetzt. „Ein paar davon laufen heute noch bei uns“, ist Heinrich Ripke, Betriebsleiter für den Bereich Landwirtschaft, von den Maschinen beeindruckt. „Natürlich wurden sie in der Zwischenzeit generalüberholt und verzinkt.“ Heute sind insgesamt 183 Trommelregner mit Rohrlängen zwischen 350 und 600 m im Bestand.
Die Beregnungsflächen sind als Vorrangfläche im Raumordnungsprogramm ausgewiesen, der Flächenbesitzer bzw. -pächter ist automatisch Mitglied des Verbandes und beitragspflichtig. Sonderkulturen und Biobetriebe gibt es im Verregnungsgebiet nicht. Gerade im Sommer nimmt der Zulauf zum Klärwerk um bis zu 12 000 m³ am Tag ab: Etwa, wenn das VW-Werk Braunschweig in die Werksferien geht. Sollte das Verregnungswasser dann für die Bewässerung der Kulturen nicht reichen, kann Grundwasser hinzugepumpt werden. Grundsätzlich wird aber über den tatsächlichen Bedarf von 3,6 Millionen m³ pro Jahr hinaus beregnet — insgesamt kommen rund 10 Millionen m³ auf die Flächen. Heinrich Ripke erklärt: „Wir können 65 Prozent der Fläche passend mit Wasser versorgen. Knackpunkte sind die letzte Gabe im Getreide bzw. die erste Gabe in Zuckerrüben und Mais, da kommen wir mit unseren Kapazitäten an die Grenze.“
Soll Klärschlamm mit verregnet werden, wird dem Klärwasser ein Anteil flüssigen Klärschlamms im Klärwerk zudosiert. Damit das System funktioniert, ist eine Vorbereitung des Wassers bzw. Klärschlamms nötig: Mit dem Hintergrund der Rohabwasser-Verregnung war das Braunschweiger Klärwerk Vorreiter bei der Einleiterkontrolle auf Schadstoffe und Schwermetalle: Potenzielle Emittenten wie größere Industriebetriebe oder Tankstellen werden bereits an der Stelle der Einleitung kontrolliert. „Wenn die Schadstoffe erst mal im Schlamm drin sind, kriegt man das in der Kläranlage nicht mehr heraus“, erklärt Heinrich Ripke. Im Verregnungsgebiet werden sowohl Boden als auch Pflanzen regelmäßig kontrolliert, laut Ripke seit Jahrzehnten ohne Veränderung.
Als zu Beginn der 1990er Jahre die Kosten für die Deponieentsorgung deutlich anstiegen, wurde auch die Ausbringung von entwässertem, zertifiziertem Klärschlamm ausgeweitet. In Spitzenzeiten wurden über den Verband über 20 000 t pro Jahr mit eigener Technik ausgebracht. Heinrich Ripke erklärt: „Wir wollten die vernünftige Ausbringung von Anfang an garantieren, dafür braucht es eine gute Arbeitsqualität und damit die entsprechende Technik.“
Unter Ripkes Zuständigkeit fällt auch die Biogasanlage mit 2,5 MW el. Leistung, die der Verband 2007 in Betrieb nahm. Zum Hintergrund: Anfang der 2000er-Jahre stand die Klärschlamm-Verregnung in der Diskussion: „Zuckerrüben, aber auch andere nach QS zertifizierte Früchte dürfen nicht mit Klärschlamm gedüngt werden“, beschreibt Heinrich Ripke eine kritische Phase. „Wir wollten aber das System der Wasserwiedernutzung aufrechterhalten und mussten den Landwirten alternative zur QS-Nahrungsmittelproduktion bieten.“ Der Verband baute und betreibt die Anlage, die Landwirte sind als Energiepflanzenlieferanten mit im Boot. Heute betreibt der Verband die Anlage mit 2,5 MW el. Leistung.
Auf dem Gelände der Anlage selbst ist allerdings nur ein 600-kw-Motor zu finden. Ripke klärt auf: „Das restliche Gas wird entfeuchtet und über eine Biogasleitung 20 km in den Norden der Stadt zu einem ehemaligen Erdgas-Heizkraftwerk geschickt. Dort werden 2 MW Leistung erzeugt und die Wärme direkt vermarktet.“ Dieser Wasser-Nährstoff-Energie-Kreislauf ist als das Braunschweiger Modell bekannt.
Der Fuhrpark des Abwasserverbands beschränkt sich aber nicht nur auf die Beregnungstechnik. Kein Wunder also, das gut 80 Mitarbeiter in den Gehaltslisten des Verbandes stehen. Neben der Verwaltung gibt es beispielsweise eine Elektro-Abteilung, eine Kfz-Werkstatt, eine Tiefbau-Kolonne und eine eigene Landmaschinenwerkstatt. Dort werden alle eigenen Maschinen vom Schlepper über Häcksler bis hin zu Technik für den Wegebau betreut.
Abwasserverband Braunschweig
– Abwasserlieferung durch Stadt Braunschweig und 26 Ortschaften des Wasserverbandes Gifhorn
– 415 Eigentümer landwirtschaftlicher Flächen im Verregnungsgebiet
– Zum Fuhrpark zählen unter anderem 25 Traktoren, ein Feldhäcksler, 4 Bagger, 2 Radlader, 2 Geräteträger, 3 Universalstreuer, 2 Tiefbaumulden und 183 Beregnungsmaschinen
„Wir wollen aber keine Konkurrenz zu Lohnunternehmen in der Region bilden“, hält Ripke fest. „Im Gegenteil, der Mähdrusch und die Gärrest-Ausbringung wird durch Lohnunternehmer erledigt.“ Trotzdem rechnet sich in einigen Bereichen die Eigenmechanisierung: Unsere Häckselkette erntet jedes Jahr über 1 000 Hektar, da passt die Auslastung“, erklärt Heinrich Ripke. „Durch die flexible Einsatzplanung erreichen wir eine sehr gute Erntequalität“.
Jährlich werden fünf Beregnungstrommeln und ein bis zwei Schlepper umgesetzt. Weitere Technik bedingen auch andere Aufgaben des Verbandes: etwa die Klärschlammausbringung mit zwei Streuern sowie die Pflege von ca. 80 km Gräben, 120 km Hecken und 65 km Wirtschaftswegen. Insgesamt stehen acht Maschinen für die Hecken- und Grabenpflege zur Verfügung: Neben drei Mobilbaggern und zwei Schleppern mit Ausleger-Mulchgeräten sind auch zwei entsprechend ausgestattete Rebo-Rack-Geräteträger im Einsatz.
Hinzu kommt die Bewirtschaftung der Stadt-Domäne mit 150 ha Ackerfläche, die ebenfalls größtenteils eigenmechanisiert ist.
Die Bevölkerungsprognosen für die Stadt Braunschweig gehen von einer steigenden Einwohnerzahl und damit auch von einem steigenden Abwasservolumen aus. Das Verregnungsgebiet muss aber nicht zwangsläufig mitwachsen, da die Mehrmenge an geklärtem Abwasser auch über eine Vorflutereinleitung abgegeben werden kann. Diese wird, zusammen mit den nach wie vor bestehenden Rieselfeldern, auch im Dezember und Januar statt der Verregnung genutzt.
Ab dem kommenden Jahr ist eine Wasserhygienisierung gesetzlich vorgeschrieben — ob über eine Ozon-Anlage, per UV-Strahlung oder über eine Membran-Anlage steht dabei aber noch nicht fest.
Schwerer wiegt, dass ab 2029 gesetzlich kein Klärschlamm mehr verregnet werden darf. Dr. Gromadecki hält fest: „Die Beregnungsflächen können dann nur noch mit reinem Klarwasser beschickt werden. Damit fällt ein großer Vorteil für die Stadt Braunschweig weg, da eine Verbrennung deutlich teurer ist. Gleichzeitig fehlen den Landwirten die Nährstoffe“.
Um den weitaus komplexeren Sachverhalt kurz zusammenzufassen: Der Schlamm muss bei Großkläranlagen ab dem Stichtag in Monoverbrennung verbrannt werden. Gleichzeitig gilt das Phosphor-Recycling-Gebot: Der Phosphor muss unter großem Aufwand aus der Schlamm-Asche gelöst werden und ist im Ergebnis als Dünger nur teilweise pflanzenverfügbar. Daher wird intensiv an der Extraktion der Nährstoffe gearbeitet, um diese den Landwirten weiterhin zur Verfügung stellen zu können. Aus der Schlamm-Vorentwässerung wird bereits jetzt aus dem anfallenden Wasser Phosphordünger (Struvit) und Stickstoff-Schwefel-Dünger (ASL) gewonnen.
Der Verband hält aber an der Klarwasserverregnung ab 2029 und auch am Braunschweiger Modell fest. „Durch unsere Wasser-Wiederverwendung kann unsere Anlage ein interessantes Beispiel auch für andere Klärwerke und Stadtentwässerungen sein — das sorgt für Interesse aus der ganzen Welt“, hält Dr. Gromadecki abschließend fest. „Allerdings ist die nötige Infrastruktur nicht zu unterschätzen, und es braucht Böden, die eine Abnahme auch in nassen Jahren garantieren.“
Für die Pflege der Wirtschaftswege hat der Verband in eine Stehr-Kombination aus Grader und Plattenverdichter investiert.
(Bildquelle: Otte)
Die Wind- und Sprühschutzhecken mit insgesamt 120 km Länge werden durch den Abwasserverband mit eigener Technik gepflegt.
(Bildquelle: Otte)